Pestizide
(Download des TOP-Themas Pestizide als pdf unten auf der Seite!!!)
Pünktlich zur Woche ohne Pestizide (20. bis 30. März 2012) erscheint unser nächstes TOP-Thema, das sich der Problematik rund um den Einsatz von Pestiziden widmet. Die internationale Aktionswoche ohne Pestizide, die mittlerweile bereits in rund 20 Ländern Europas und Afrikas ausgerufen wird, findet in Luxemburg nun schon zum dritten Mal statt. Während dieser Zeit soll vor allem auf die allgemeine Pestizidproblematik aufmerksam gemacht und so aktiv Aufklärungsarbeit geleistet werden. Allerdings reicht es nicht aus, nur mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern es sollen auch konkrete Alternativen zum Pestizideinsatz aufgezeigt und umgesetzt werden. Um dauerhaft, vollständig und auf eine nachhaltige Art und Weise auf Pestizide verzichten zu können, sind sowohl ein fordernder politischer Wille als auch die praktische Umsetzung vor Ort vonnöten. Die Kampagne „Ohne Pestizide“ hat zu diesem Zwecke eine Infokarte entwickelt, die auf der Grundlage der Ergebnisse eines von der EBL ausgearbeiteten Fragebogens ganz konkret den Stand der Dinge in Sachen Verzicht auf Pestizide in den Gemeinden Luxemburgs aufzeigen soll. Durch die Vorstellung einiger Best Practice Beispiele (siehe Seite der Kampagne unter Links) soll zudem der interkommunale Erfahrungsaustausch gefördert werden. Die aktuelle Karte ist unter Downloads abrufbar.
Was sind Pestizide und welche Wirkungsgruppen unterscheidet man?
Pestizide sind (meist chemische) Stoffe und Mittel zum Schutz von Pflanzen und/oder zum Abtöten von unerwünschten Schädlingen (Tiere und Pflanzen). Laut Definition in der EU-Richtlinie 2009/128/EG wird die Bezeichnung „Pestizide“ als Oberbegriff benutzt und in Biozide und Pflanzenschutzmittel unterteilt. Wie bei anderen Wörtern mit der gleichen Endung, deutet auch beim Wort Pestizid das Suffix „zid“ bereits darauf hin, dass es sich hierbei um eine totbringende Substanz handelt. Eine düster anmutende Bezeichnung für ein Produkt, das beispielsweise die Malaria auszurotten vermag. Auf den ersten Blick können Pestizide durchaus positive Effekte haben (z.B. Ertragssteigerung und –sicherung), weswegen auch melodiösere Bezeichnungen wie Pflanzenschutzmittel oder phytosanitäre Produkte Einzug in unseren Sprachgebrauch gefunden haben. Doch auf den zweiten Blick, welcher gemäß aller Logik der objektivere ist, kommen die negativen Folgen des Pestizideinsatzes zum Vorschein, was einen veranlasst, letztgenannte Bezeichnungen getrost dem „Greenwashing“ (abgeleitet von „Weißwaschen“) zuzuordnen. An der Tatsache, dass Pestizide trotz allem dazu verwendet werden unerwünschtes Leben zu vertreiben oder abzutöten können auch die wenigen Vorteile nichts ändern. Pestizide schaden nicht nur langfristig unserer Umwelt, sondern wirken sich auch direkt und indirekt auf die Gesundheit der Menschen aus!
Welche Wirkstoffe gibt es und wieviele sind zugelassen?
Pestizide bestehen meist aus chemischen Stoffen oder einer Kombination mehrerer dieser Wirkstoffe, sowie weiteren Zusätzen, wie Tenside oder Verdünnungsmittel. Die Wirkstoffe werden dabei als aktive Substanzen bezeichnet, während die Additive keinen direkten Einfluss auf die eigentliche Wirksamkeit haben, sondern lediglich zur Formgebung, Effizienzsteigerung oder zur besseren Handhabung beigemengt werden. Welche Wirkstoffe zum Einsatz kommen, hängt ganz vom Einsatzzweck oder der gewollten Wirkung ab. Wirkstoffmischungen werden häufig benutzt, um die erlaubten Höchstmengen bei einzelnen Substanzen nicht zu überschreiten. Dadurch kommt es dann häufig zu Mehrfachbelastungen. Weltweit existieren gut 900 Stoffe, die aufgrund der vielen Kombinationsmöglichkeiten in knapp 100.000 Produkten zum Verkauf zugelassen sind. In Europa sind momentan rund 600 aktive Substanzen zugelassen, welche zu etwa 2500 verschiedenen Produkten führen. In Luxemburg waren 2010 rund 220 Wirkstoffe erlaubt, während die Zahl der daraus hergestellten Produkte bei 445 lag. Rund ein Drittel aller Stoffe und etwa ein Fünftel aller Produkte des europäischen Marktes sind auch in Luxemburg legal erhältlich und anwendbar. 74 Produkte sind gar für die Anwendung auf Nichtkulturland zugelassen, d.h. auf allen Freilandflächen, die nicht landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt werden.
Wo und von wem werden wieviele Pestizide eingesetzt?
Pestizide werden überall dort eingesetzt, wo bestimmte Tier- und Pflanzenarten unerwünscht sind. Das bei weitem größte Anwendungsgebiet ist die Landwirtschaft. Man schätzt, dass wohl rund 90% aller weltweiten Pestizide hier Verwendung finden. Vor allem beim Baumwollanbau (über 10% der weltweit eingesetzten Pestizide), aber auch im Soja oder Maisandbau werden verstärkt Pestizide eingesetzt. Hier zeigt sich auch die enge Verknüpfung mit der Gentechnik: Sind die Gene einer Pflanze so verändert worden, dass diese gegen bestimmte Pestizide resistent sind, werden oftmals achtlos und großflächig solche Pflanzenschutzmittel ausgebracht. Zu den größten Pestizidverbrauchern gehören vor allem Industrieländer wie die USA, Japan, Frankreich und Deutschland, wo eine intensive Landwirtschaft betrieben wird. In Europa werden jährlich rund 300.000 Tonnen Pestizide hergestellt. Aber auch in Schwellenländern wie Brasilien, China oder Indonesien werden häufig Pestizide angewandt. Auf die Entwicklungsländer entfällt nur ein geringer Teil des Verbrauchs, aufgrund geringerer Schutzbestimmungen jedoch ein Großteil der Todes-, bzw. Vergiftungsfälle. In Europa wird häufig auf Herbizide zurückgegriffen, während in tropischen Ländern eher Insektizide gefragt sind. Neben der Landwirtschaft werden Pestizide aber auch von öffentlichen Verwaltungen zur Pflege von Freiflächen, Straßen, Wegen und Plätzen verwendet. Sogar auf Spielplätzen, in Schulhöfen, rund um Spitäler und Altersheime oder auf Sportplätzen kann es zum Pestizideinsatz kommen, was bei vielen Menschen zu einem direkten Kontakt mit diesen Mitteln führt. Auch Privatanwender und Hobbygärtner greifen häufig auf solche Produkte zurück, sei es zur Gartenpflege oder als Insektenschutz beispielsweise. Aufgrund der erhöhten Dosierung und der oftmals unsachgemäßen Handhabung spielen die beiden letztgenannten Anwendergruppen jedoch eine wesentlich Rolle was die Belastung unserer Umwelt mit Pestiziden angeht.
Wieso sind Pestizide so gefährlich?
Allein die Tatsache, dass Pestizide zum „Töten“ gemacht sind müsste jedem verraten, dass es sich dabei um schädliche Mittel handelt. Eines der größten Probleme von Pflanzenschutzmitteln ist die unspezifische Wirksamkeit, d.h. dass viele Pestizide nicht nur ein einziges „Unkraut“ oder einen einizigen „Schädling“ bekämpfen, sondern oftmals auch ganz unspezifisch auf viele andere Lebewesen einwirken und sogar deren Tod herbeirufen können. So werden auch nützliche Insekten (z.B. Bienen) oder wichtige Bodenorganismen geschädigt oder abgetötet. Man schätzt, dass nur rund 0,1% der Pestizide ihr eigentliches Ziel treffen. So sterben beispielsweise alleine in den USA über 60 Millionen Vögel jedes Jahr an den Folgen des Pestizideinsatzes. Viele Pestizide sin nur sehr schwer abbaubar und reichern sich somit in Boden, Luft und Wasser an, was mit der Zeit zu erhöhten Schadstoffkonzentration oder gar Mehrfachbelastungen führt. Durch diffuses Ausbringen der Chemikalien kommt es oft zur unkontrollierten Verbreitung, was eine zusätzliche unberechenbare Gefahr darstellt. So gelangen die Pestizide (z.B. über Nahrungsmittel oder Trinkwasser) früher oder später in die Nahrungskette des Menschen.
Welche Auswirkungen haben Pestizide auf unsere Gesundheit?
Wie bereits erwähnt können Pestizide leicht in die Nahrungskette gelangen an dessen Ende immer der Mensch steht. Bei direktem Aussetzen können Pestizide vom Menschen auf direktem Wege über Haut, Augen, Atemwege oder Schleimhäute aufgenommen werden und sich im Fettgewebe anreichern. Aber auch über Nahrungsmittel oder belastetes Trinkwasser können diese Stoffe in den Körper gelangen, wo sie zu akuten Vergiftungssymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Erstickungsgefühl oder Hautirritationen führen können. Bei langzeitiger Belastung kann es sogar zu chronischen Erkrankungen kommen. Organschädigungen, Hormonstörungen, Fruchtbarkeitsverlust und Beeinflussung des Nervensystems zählen zu den häufigsten Erkrankungen bei Dauerbelastungspatienten. Laut einer Studie belgischer Krebsforscher sind rund 5,6% aller Krebsfälle auf Pestizide zurückzuführen.
Welche Auswirkungen haben Pestizide auf Natur und Umwelt?
Pestizide haben vielfältige direkte und indirekte Auswirkungen auf die natürlichen Ökosysteme unserer Erde, was aufgrund der vielen Zusammenhänge und Nebeneffekte nicht immer sofort sichtbar erscheint. Die wohl offensichtlichste Auswirkung des Pestizideinsatzes auf Umwelt und Natur ist die Reduzierung von Biodiversität und Artenvielfalt. Pestizide töten viele Tier- und Pflanzenarten und berauben somit weiteren Arten ihrer Lebensgrundlage. Dieser Teufelskreis überträgt sich mit der Zeit auf nahezu die gesamte Nahrungskette. Vor allem das große Bienensterben der letzten Jahre soll zum Teil auf den Einsatz von Spritzmitteln zurückzuführen sein. Aber auch auf die natürlichen Lebensräume vieler Tier- und Pflanzenarten haben Pestizide negativen Einfluss. Im Boden beispielsweise können sie wichtige Mikroorganismen abtöten, die für die Fruchtbarkeit, den Wasserhaushalt und die Struktur des Bodens sehr wichtig sind. Aber auch in Gewässern haben solche Mittel verhehrende Folgen. So wird das Mikroplankton (die Basis der Nahrungskette) zerstört und der Sauerstoffgehalt reduziert, was wiederum die gesamte Aquafauna bedroht. Die Liste der durch Pestizide bedrohten Biotope ist lang und vor allem die schädlichen Nebeneffekte der Abbauprodukte von Pestiziden sind noch in vielerlei Hinsicht unbekannt.
Was kann die Politik tun?
Zur geregelten Reduzierung von Pestiziden sind umfassende politische Beschlüsse auf europäischer und nationaler Ebene vonnöten. Die Überführung des sogenannten europäischen Pflanzenschutzpakets (mehrere europäische Richtlinien, siehe Links) in nationales Recht muss von allen Mitgliedsstaaten mit der Ausarbeitung nationaler Aktionspläne bis Ende 2012 sichergestellt werden. In Luxemburg arbeitet man derzeit noch an einem solchen Aktionsplan. Regelungen und Bestimmungen gibt es jedoch bereits im Bereich der Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln. Hierbei wird die toxikologische Wirkung der Produkte in Bezug auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt in Betracht gezogen. Auch die Erlangung des sogenannten „Giftscheins“, also der Berechtigung Pflanzenschutzmittel nutzen zu dürfen, unterliegt strengen Bestimmungen. Neben nationalen Gesetzen und Beschlüssen kann jedoch auch auf kommunaler Ebene durch politische Absichtserklärungen ein klares Zeichen hin zur „Pestizidfreiheit“ gesetzt werden. Die Absichtserklärung "communes et écoles sans pesticides" der Initiative NOGM finden Sie unter den Links.
Wie können Kommunen und Gemeinden den Pestizideinsatz verringern?
Die Verringerung des Pestizideinsatzes beginnt bereits bei der Konzeption und Planung zukünftiger Projekte. Ein differenziertes Grünflächenmanagement oder ein naturnaher Umbau beispielsweise können den nachträglichen Pflegeaufwand erhelblich verringern und den Einsatz von Pestiziden überflüssig machen. Eine weitere Alternative: Einfach mal wachsen lassen, wo es niemanden stört! Sollte doch ein erhöhter Pflegebedarf bestehen, kann man einerseits auf mechanische Geräte zum Entfernen von unerwünschten Pflanzen zurückgreifen und andererseits durch erhöhten Personaleinsatz die „Unkräuter“ per Hand entfernen. Auch thermische Geräte wie Gasbrenner können zum Einsatz kommen. Detailliertere Informationen zu möglichen Maßnahmen und einem pestizidfreien Unterhalt kommunaler, öffentlicher Frei- und Grünflächen entnehmen Sie bitte den Vorträgen und Factsheets, die auf der Internetseite der Kampagne "Ohne Pestizide" (siehe Links) unter der Rubrik "Downloads" zur Verfügung stehen.
Was können Privathaushalte tun?
Privatpersonen sollten grundsätzlich immer auf einen Einsatz von Pestizidprodukten verzichten. Im Garten oder im Haushalt gibt es fast immer ein entsprechendes biologisches Hausmittel anstelle der chemischen Keule zur Bekämpfung schädlicher Pflanzen und Tiere. Sollte man trotz allem nicht auf den Gebrauch solcher Produkte verzichten wollen, sollte man unbedingt die Warn- und Sicherheitshinweise beachten, die Mittel sorg- und sparsam benutzen und außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren. Restprodukte sind als Sondermüll getrennt zu entsorgen (in Luxemburg bei der SuperDrecksKëscht). Ein bewussteres Konsumverhalten und der bevorzugte Kauf biologischer und regionaler Lebensmittel fördern ebenfalls die „Pestizidfreiheit“ unserer Umwelt. Weitere Infos finden Sie unter Links.
Nationale Kampagne „Ohne Pestizide“!!!
Die landesweite Kampagne „ohne Pestizide“ wird von einer Vielzahl von Akteuren aus dem Umweltbereich getragen und möchte auf die schädlichen Auswirkungen von Pestiziden auf Natur und Gesundheit aufmerksam machen und alternative Pflegemethoden öffentlicher und privater Flächen im Siedlungsraum aufzeigen. Hauptziel der Kampagne ist es, bestehende Sichtweisen, unrealistische Schönheitsideale und eingebürgerte Arbeitsmethoden zu verändern, hin zu mehr Toleranz und Akzeptanz, dem Erhalt der einheimischen Biodiversität und der Verringerung des Pestizideinsatzes, sowohl auf kommunalen Flächen, als auch in Privathaushalten und -gärten. UMDENKEN IST MÖGLICH!!!
Fazit
Trotz aller Aufklärung und Sensibilisierung wird vielerorts immer noch auf chemische Pflanzenschutzmittel und Pestizide zur Bekämpfung vermeintlicher Schädlingspflanzen und –tiere zurückgegriffen. Immer noch wird unsere Umwelt zerstört und unsere Gesundheit gefährdet. Es ist höchste Zeit, dass sich dies ändert. Schon längst gibt es Alternativen, die genutzt werden sollen und es möglich machen in Zukunft komplett auf den Einsatz von Pestiziden in Kommunen, Privathaushalten und sogar in der Landwirtschaft zu verzichten. Gehen wir es gemeinsam an!
Unter folgendem Link steht interessierten Gemeinden ein Fragebogen und ein Best-Practice-Projektdatenblatt zum Ausfüllen zur Verfügung. Die Angaben aus dem Projektdatenblatt, sowie der Frage 4 des Fragebogen werden auf der Internetseite der Kampagne "ohne Pestizide" veröffentlicht.
Downloads
- Aktuelle Karte "Gemeinden ohne Pestizide" (pdf, 1724 kb)
- Fragebogen "sans pesticides" für Gemeinden (msword, 507 kb)
- Projektdatenblatt "Best Practice" für Gemeinden (msword, 57 kb)
- TOP-Thema "Pestizide" (pdf, 1591 kb)
Links
- Ackerbauverwaltung Luxemburg
- Action citoyenne pour une alternative aux pesticides
- Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
- Délibération "communes sans pesticides" (NOGM)
- European Food Safety Authority
- Fédération inter-environnement Wallonie
- Générations futures
- Info Pesticides
- Kampagne "Ohne Pestizide"
- Pôle wallon de gestion différenciée
- semaine sans pesticides Belgique
- semaine sans pesticides France